Wenn Gottéron jetzt nicht Meister wird – dann nie
Zauberberg? Ja, in der Weltliteratur gilt Davos als der Ort auf dem Zauberberg. Der gleichnamige vielschichtige Roman von Literatur-Nobelpreisträger Thomas Mann spielt in Davos oben. Und nun wird der Zauberberg als Hockey-Roman auf dem Eis geschrieben. In Spielen, mindestens so dramatisch und voller Wendungen wie das literarische Vorbild.
Gottéron ist 1980 in die höchste Liga aufgestiegen und anders als Davos, der SCB, Biel, Kloten, Servette, Lausanne, Langnau, Zug, die Lakers, Ambri oder Lugano noch nie abgestiegen. Unabsteigbar. Aber eben auch untitelbar.
Kann es sein, dass Gottéron ausgerechnet gegen den Rekordmeister Davos (31 Titel) seinen ersten Titel holt? Ja, das kann sein. Denn Davos hat als Zauberberg eine magische Bedeutung für Gottéron. Hier oben haben die «Untitelbaren» am 31. Dezember 2024 zum ersten Mal einen Pokal gewonnen. Den Spengler Cup. Eine Meisterschaft ist das zwar nicht. Aber ein Pokal ist ein Pokal.
Nun hat Gottéron auch das zweite Finalspiel auswärts auf dem Zauberberg gewonnen. Nach dem 3:2 vom vergangenen Samstag folgte nun am Mittwoch ein 3:2 in einem Drama über fünf Akten. Nach 88:47 Minuten trifft Julien Sprunger in der zweiten Verlängerung, im fünften Drittel zum 3:2.
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Zur Dramatik passt, dass zwei Minuten vorher der HCD-Schillerfalter Filip Zadina vor Gottérons Tor zu Boden sinkt, vom Eis und ins Spital zur MRI-Untersuchung geführt werden muss. Lucas Wallmark hat den Tschechen durch einen Stockschlag in die Kniekehle niedergestreckt. Die Schiedsrichter haben nichts gesehen, eine Strafe wird nicht angezeigt. Sie beraten und lassen danach das Spiel fortsetzen. Wallmark kommt mit einer Busse davon, darf in Spiel 4 mittun.
Kanadas Nationaldichter Al Purdy hat einmal Eishockey in einem Gedicht als Mischung aus Ballett und Mord bezeichnet:
Das ist eine literarische Übertreibung. Aber nach diesem Final-Drama verstehen wir, was er meinte: ein Spiel als Mischung aus Schönheit, Eleganz und brutaler Gewalt. Kunst, die an Ballett mahnt, gehört ebenso dazu wie Härte, die zumindest bei einem Dichter Gedanken an «Mord» aufkommen lässt. Da ist der böse Stockschlag von Lucas Wallmark. Ausgerechnet er. Der Schwede hat zuvor in der 48. Minute mit dem 2:2 einen Treffer erzielt, der Gottéron in die Verlängerung rettet. Nicht einfach ein Tor. Anstatt einen Pass in die Mitte zu spielen, wie es Torhüter Sandro Aeschlimann erwartet, zieht er den Puck auf seine Backhand und überlupft den HCD-Goalie. Zauberei auf dem Zauberberg. Aber nicht nur. Gottéron gewinnt diese Partie aus vier Gründen.
Das Goalieduell
Reto Berra ist besser als Sandro Aeschlimann. Das kann in dieser Serie die Differenz machen. Was heisst besser? Reto Berra ist zehn Zentimeter grösser und 16 Kilo schwerer als Sandro Aeschlimann. Das bedeutet: Gottérons letzter Mann dominiert in dieser enorm intensiven Partie sein Hoheitsgebiet rund ums Tor. Und er ist ein Titan, der allein kraft seiner Postur Pucks abwehren kann. Zwei HCD-Gegentreffer, das 2:2 und das 2:3, hätte er wahrscheinlich allein durch seine Postur abgewehrt. Der Puck wäre an ihm abgeprallt. Sandro Aeschlimann ist womöglich ein paar entscheidende Zentimeter zu klein. Er war noch nie Meister.
Mission 1. Titel
Gottéron ist auf einer Mission. Das ist in diesem Drama deutlich zu spüren. In einer der besten, intensivsten und dramatischsten Partien der Gegenwart eine Spur leidenschaftlicher, kompromissloser und böser als Davos. Dazu passen die ungeahndeten Stockschläge von Yannick Rathgeb und Lucas Wallmark gegen Philip Zadina.
Aber dazu passt eben auch, dass die Ikone Julien Sprunger den Siegestreffer erzielt. Am 4. Januar ist er 40 Jahre alt geworden. Mehr als 1000 Spiele nur für Gottéron. In seiner letzten Saison ist er auf dem Ritt ins Abendrot der Legende. Wer nicht an Magie, sondern an Statistik glaubt: Wahrscheinlich ist es logisch, dass er auf dem Weg zum Siegestreffer einen Zweikampf gegen HCD-Captain Matej Stransky gewonnen hat. Die Arbeitszeiten der beiden in dieser Partie: Matej Stransky 25:43 Minuten, Julien Sprunger 17:08 Minuten. Also folgerichtig, dass er die frischeren Beine hatte. So einfach kann Hockey auch sein.
Trainer Rönnberg
Trainer Roger Rönnberg ist es gelungen, den Geist der «Copains» – also die wilde Kampfkraft und Leidenschaft auf und neben dem Eis aus der «Gründerzeit» des Aufstieges – mit dem taktischen Verstand, der Seriosität und der Geduld des modernen Hockeys zu verbinden.
Die Würfel der Hockeygötter
Die Hockeygötter haben schon wieder gewürfelt. Auch diese dritte Partie war so ausgeglichen, dass jeder Ausgang möglich war. Hätte der HCD gewonnen, so wäre es dem Chronisten sicherlich gelungen, in einer tiefgründigen Analyse zu erklären, warum ein HCD-Sieg zwingend und logisch ist. So wie die flinken Affen in den Bäumen in jeder Situation einen Ast finden, an dem sie sich festhalten können.
Noch nie stand HC Fribourg-Gottéron seinem ersten Titel so greifbar nahe. Zwei Heimsiege noch – ein Wimpernschlag zwischen Sehnsucht und Geschichte. Und doch wächst mit dieser Nähe eine Erwartung, die schon fast ins Masslose kippt. Eine ganze Stadt bebt in fieberhafter Erwartung.
Wie soll man als Spieler inmitten dieses kollektiven Taumels die kühle Präzision bewahren? Wie den Lärm der Hoffnung ausblenden, wenn er durch jede Ritze dringt? Wie in einer vibrierenden Stadt in den Tunnel der absoluten Konzentration einfahren – und ihn unbeirrt bis ans Ende durchschreiten? Es ist die wohl verrückteste Erwartungshaltung, die Spieler in unserem Hockey je aushalten mussten.
Es ist, wie es ist. Am Ende reduziert sich alles auf einen Spieler. Reto Berra. Er hat das Duell in Davos oben am Mittwoch gegen Sandro Aeschlimann mit 95,12 Prozent gegen 88,89 Prozent gewonnen. Und wie Julien Sprunger ist auch er auf einer Mission. Es ist seine letzte Saison für Gottéron, seine letzte Chance, nach 2009 (mit Davos) noch einmal Meister zu werden. Er wird im Sommer nach Kloten zügeln. Sein Nachfolger bei Gottéron heisst Ludovic Waeber, der von Kloten heim nach Fribourg kommt. Er wird nicht in Reto Berras Schuhen stehen können.
Entweder wird Gottéron nun nach diesen zwei Siegen auf dem Zauberberg in Davos zum ersten Mal Meister mit Reto Berra im Tor. Oder wohl nie mehr. Punkt.
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